DillSonntagmorgen: Ich öffnete den Deckel von meinem russischen „Borschtsch-Gericht“, welches ich tags zuvor für unser gemeinsames Gemeinde-Buffet vorbereitet hatte. Aber oh Schreck – im Topf brodelte es grausam. Ein widerlicher Geruch fuhr mir in die Nase und der Schreck in die Glieder: Meine Suppe war vergoren! Wie konnte das geschehen? Da erinnere ich mich an die frischen Dillspitzen, die ich vor dem Zubettgehen der noch lauwarmen Suppe beigefügt hatte. Beim Gemüse schnippeln für eine neue Suppe hatte ich genug Zeit, über das Malheur nachzugrübeln: Schon seit Jahrtausenden sind Mikroorganismen von grosser Bedeutung: Sie sorgen für die Gärung, das heisst für die Umwandlung von Kohlenhydraten in Alkohol oder Säuren. Sind es die paar Dillspitzen wirklich wert gewesen, wenn ich danach den ganzen Eintopf wegschütten musste? Aber ohne Dill hätte der Suppe das besondere Bukett dieses russischen Nationalgerichtes gefehlt!

Da wird mir plötzlich bewusst, wie oft wir im Zusammenleben mit Glaubensgeschwister an solchen „Dill-Ambitionen“  hängen und daraus einen „Gemeinde-Gärbottich“ anbrauen. Mit Dillspitzen meine ich zweitrangige Ansichten z.B. über die Saalgestaltung, die Rhetorik eines Gottesdienstes oder Charaktereigenarten unserer Mitmenschen. Dafür setzen wir Beziehungen aufs Spiel. Und zu gären beginnt es dort, wo innerhalb menschlicher Berührungspunkte heimliches Auftreten von Konflikten entsteht.

In Matth.23,23 habe ich das Ethos meiner Suppen-Geschichte gefunden: Jesus kritisiert die Schriftgelehrten und Pharisäer, dass sie penibel das Gesetz erfüllen und sogar vom Dill ihren zehnten Teil Gott geben, aber die viel wichtigeren Forderungen Gottes nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Glauben sind ihnen gleichgültig. Doch gerade darum geht es hier: Das Wesentliche tun und das andere nicht unterlassen.

Es geht also nicht darum, den „Dill“ wegzulassen, sondern ob meine „Suppe“ heiss ist. Gären kann nur eine lauwarme Suppe, und sie ist zum Wegschütten verdammt. Deshalb möchte ich mich stets prüfen, ob die Temperatur zwischen mir und Jesus stimmt, wenn ich unserem gemeinsamen Zusammenleben in der Gemeinde „frischen Dill“  zufügen möchte. Sonst halte ich lieber den Mund, denn…

…Kritik ohne Liebe ist wie eine lauwarm gärende Suppe, die zwar angerichtet ist aber niemand mehr auslöffeln will.

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