Oli Steinbrüchel hätte eigentlich der glücklichste Mensch der Welt sein können. Er hatte eine liebe Frau, ein nettes Kind und ein gemütliches Heim, in welchem sich jeder schnell wohlgefühlt hätte, wenn nicht….

Oli Steinbrüchel hatte einen Übernamen. Man nannte ihn „Obelix Hinkelstein“, denn man sah ihn dauernd Steine schleppen. Dieser eigenartigen Angewohnheit war es zu verdanken, dass seine vielen Freundschaften in der Umgebung häufig von kurzer Dauer waren – nicht etwa, weil Oli Beziehungen nicht schätzte. Aber die Steine, welche er schleppte, waren keine gewöhnlichen Steine, sondern Stolpersteine. Überall wo sich Oli aufhielt, schleppte er Sackweise davon nach hause. Manchmal waren es nur Kieselsteine, manchmal riesige Brocken. Sein Rücken war von den schweren Lasten gebeugt. Oft kehrte er verletzt und wund nach hause, weil er über so viele Stolpersteine fiel – und er liess keinen einzigen Stolperstein liegen!

Langsam wuchs um sein Grundstück eine Mauer. Es wurde immer schwieriger Oli zu besuchen. Mancher Freund stiess sich an den Stolpersteinen, die bei Steinbrüchels herumlagen. Manche getrauten sich nicht mehr hinter die Mauer von Oli zu steigen und plauderten nur noch über die Mauer hinweg mit ihm. Olis Freunde zogen sich immer häufiger frustriert zurück.

Wenn sich dann doch mal ein guter Freund erbarmte und sich in Olis Steinbruch hinein wagte, verdarb Oli die zuerst angenehme Gemeinschaft mit seinem Ärger: „Alle bauen eine Mauer um mein Haus, weil die Leute mir täglich Stolpersteine in den Weg legen. Wenn sich nur alle so korrekt und pflichtbewusst verhalten würden wie ich – Oli – müsste ich mich nicht täglich mit all den entsetzlichen Stolpersteinen beschäftigen und meine Verletzungen kurieren. Der Verkäufer im Tante Emma-Laden hat mir fünf Rappen zu wenig Rückgeld bezahlt, und meine Nachbarn erwarten von mir, dass ich meine Ziegen einzäune, weil sie den Salat aus ihrem Garten fressen. Warum auch zäunen sie nicht ihren eigenen Salat ein? Alle nörgeln an mir rum und haben was auszusetzen an mir. Immer bin ich der Leidtragende!“

Olis Gejammer vertrieb jeden Haussegen. Nach solchen Ausbrüchen gingen Olis Freunde jeweils hilflos nach hause und fragten sich, wie oft er wohl schon bei anderen über sie geschimpft hatte, wenn er über solche Kleinigkeiten stolpere. Mancher Freund kehrte selbst verletzt heim, weil Oli so viele Stolpersteine rumliegen liess. Einige munkelten, dass Oli sogar im Bett Steine aufbewahre und weil sie ihn drückten und plagten oft keinen Schlaf fände. Kein Wunder, dass Oli seine Stolpersteine manchmal den Besuchern an den Kopf warf.

Eigentlich spürte Oli, dass er an der Mauer im Garten nicht so unschuldig war. Mancher Grenzstein am Weg, der ihm die Weggrenze anzeigte, legte er als Stolperstein in seinen Sack. Etliche Steine legte er sich sogar selbst in den Weg. Er kam einfach nicht aus diesem Steinbruch-Kreislauf raus. Viele probierten ihm zu helfen und fingen an, die Mauer wegzuschaffen. Doch wenn die Mauer etwas kleiner wurde, schleppte Oli bereits am nächsten gewaltigen Felsen, der ihn fast erdrückte.

Eines Tages stand sein bester Freund in einer Mauerlücke, als Oli gerade unter der Last seiner Steine zusammen brach. Emanuel scheute sich nicht, sich einen Weg durch den Steinbruch zu Oli zu bahnen und holte ihn unter seiner letzten Steinladung hervor. Emanuel hatte Erfahrung mit Stolpersteinen. Er setzte sich neben Oli auf einen Steinbrocken und putzte ihm eine Blutspur aus dem Gesicht. Dabei fing er an zu erzählen.

„Oli, ich verstehe dich gut, wie du dich hinter deiner Mauer fühlst. Mir wurden schon vor der Geburt Stolpersteine in den Weg gelegt. So kam es, dass ich in einem Stall geboren wurde, weil niemand Platz für mich hatte. Meine Mission auf dieser Welt war sehr schwer. Doch aus Liebe zu den Menschen, welche sich mit ihren Lasten abplagen wie du, bin ich diesen Weg gegangen. Mancher wollte mich steinigen, weil ich hinter ihre Mauern sah und ihr Verhalten missbilligte. Sie nannten mich „Stein des Anstosses“, ich bin für viele ein Stolperstein, weil sie die Wahrheit nicht vertragen. Es gab also nur einen Weg, um den Menschen ein Leben ohne Mauern zu schenken. Ich kaufte alle Stolpersteine der Menschheit und bezahlte mit meinem eigenen Leben. Die Menschen begruben mich unter ihren Mauern, einer Steinlawine des Neids und Grolls, der Eifersucht, des Stolzes, der Verleumdung, der Unversöhnlichkeit und Bitterkeit, des Unglaubens, des Hasses und Betrugs, der Lügen…und unter vielen anderen Steinen mehr. Hinter diesen Grabesmauern schien es, als hätte mich der Tod besiegt. Aber auch der grösste Stein des Todes konnte mich nicht im Grab festhalten, weil mein Vater den riesigen Stein vom Grab wegwälzte und mich vom Tod auferweckte.

Das Beste daran ist, dass es nun Hoffnung gibt für Menschen, dessen Herz hart wie Stein geworden ist und unter den täglichen Schuldenlasten zerbrechen. Hast du nie gemerkt, Oli, dass jeder Stein sich gegen dich gewendet hat und zum Schuldenberg angewachsen ist?

Deswegen kam ich nun zu dir, Oli, um dir zu sagen, wohin deine Stolpersteine gehören: Sie gehören nach Golgatha, wo ich für dich starb. Gib sie mir! Steine sind nicht zum aufsammeln da, auch nicht zum stolpern. Sie liegen auf dem Weg um dich daran zu erinnern, wer für deine Freiheit bezahlt hat, auch für die Freiheit deiner Freunde, Nachbarn und auch für deine Feinde. Denke daran, dass es nicht entscheidend ist, dass dir Stolpersteine in den Weg gelegt werden, sondern ob du sie aufhebst und mit dir herum trägst oder liegen lässt. Du wirst feststellen, dass wenn du ihnen nicht mehr dieselbe Beachtung schenkst, sie ihre Macht über dich verlieren werden und du nur noch ganz selten darüber stolpern wirst. Mancher Freund wird dir auf deinem Weg einen scheinbar gewöhnlichen Stein in die Hand drücken, nicht damit du eine Mauer um dich bauen sollst, sondern damit du mich daran schleifen lässt. Und er wird sich in einen Edelstein verwandeln. Bring in Zukunft solche Steine zu mir.

Und nun gib mir auch noch dein versteinertes Herz, ich will es heilen und liebesfähig machen.

Autorin: Anita Bargen

Möchtest Du antworten?