(Inspiriert durch den Geigenbaumeister
Martin Schleske, aus Aufatmen 1/2001)

Jesus, du hast mich ausgewählt
Ausersehen, mich-
Ein Stück Holz in deinen Händen
Du hast mich erkannt
Durchschaut
Den Verlauf meiner Fasern
Auch die krummen
Meine Eigenarten
Meine Abgründe
Möglichkeiten und Grenzen
Du kennst die Zeichnung meines Lebens
Kennst meine Jahrringe
Du, Gott, siehst mich an.

Ende der Selbstgerechtigkeit
Ich muss nicht länger versuchen
Allen – gar Gott selbst -
gerecht zu werden
Gott wird mir gerecht
In seiner schöpferischen Leidenschaft
Mich zum Klingen zu bringen
In meiner Heiligung
In seiner Leidenschaft zu mir
In seiner Sehnsucht
Mir den Klang des Menschseins zu geben.

Du siehst, Gott
Wie wenig ideal ich bin
Siehst
Was du in deinen Händen hältst
Mich beschäftig die Frage:
Wie wirst du diesem Holz gerecht?

Vollkommenheit
Du arbeitest nicht mit Schablonen
Machst nicht jede Geige
Wie die andere
Sondern gehst
Auf meine Beschaffenheit ein
Lässt die Form dem Holz
Gerecht werden
Für einen guten Klang.

Wie gut
Dass du, Herr
Kein Formfanatiker bist
Sonst müsste ich doch
Ganz anders aussehen
Nicht um der idealen Form
Sondern um des
Vollkommenen Klanges Willen
Bemühst du dich um mich
Lässt den Klang entstehen
Wenn ich mich ganz
Deiner Arbeitsweise mit mir
Hingebe.

Warum nur
Macht mein Glaube
Immer wieder
Einen Idealisten aus Gott
Bringe mein Leben
Unter die Knechtschaft des Makellosen
Und des Idealen?

Der Glaube ist die Kraft
Den vollkommenen Absichten Gottes
In die Augen zu sehen
Und dem eigenen
Gezeichneten Zustand
Der eigenen krummen Geschichte
Dem eigenen armseligen Faserverlauf
Zu bezeugen
In welch angesehener Würde
Ich angesehen bin:
Gerecht aus Glauben.

Befreit
Von meiner eigenen Schablone
Muss ich mich nicht dafür rechtfertigen
Wie ich klingen soll -
Befreit zu Gottes Ehren
Dem „Geigenbaumeister” meines Lebens.

Verfasst im Mai 2oo2

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