Hast du gesehen – warst du dabei ?

0149Hast du das Kind gestreichelt,
das schwerkrank auf dem schmutzigen Fussboden lag?
Hast du den Schmerz gesehen,
die Hoffnungslosigkeit,
mit dem sie seine eben verstorbene Mutter beweinten?
Hast du mitgeweint?

„Lasst sie doch in Ruhe, sie sind doch glücklich in ihrer Kultur!”

„Medizinmann, sag, wer ist der Schuldige,
wer hat sie verhext?
Sündenbock, es schreit nach Rache!
Wir bringen dich um!”
Hass – Probleme, allem Elend zusätzlich beigefügt.

„Lasst sie doch in Ruhe, ihr zerstört ihre Kultur!”

Hat dir das junge Mädchen erzählt, wie sie sich fühlte,
als dämonische Mächte sie quälten,
wie ihre Freunde sich schreiend in den Fluss warfen,
als ob das Wasser alle Angst wegspülen könnte,
unfähig, die besitzergreifende Macht abzuschütteln,
die auch sie ergriffen hatte.

„Lasst sie bloss in Ruhe, sie sind doch glücklich!”

Hörst du das Klagen, laut und verzweifelt?
Mutter, Tag für Tag sitzt du am Fluss, weinst – nein
schreist deine ganze Not hinaus,
wartest auf deinen 13 jährigen,
im Urwald verschollenen Jungen.
Vater, ich sah dein Gesicht, eingefallen,
wie eine wandelnde Leiche,
über einen Monat auf der Suche nach ihm,
dem einzigen Sohn.
Angst vor dem Teufel, vor den Geistern,
die Emerson entführt haben sollen.
„Sündenbock, wo bist du? Hast du meinen Jungen verhext?
Ich bringe dich um……”

„Lasst sie doch in Ruhe………..!”

Hat dich die verfilzte, schmutzige Katze auch angeekelt,
welche ihren Hinterkörper über den Erdboden schleifte?
Hast du den Hund mit der gespaltenen Schnauze gesehen,
mit dem Buschmesser verursacht,
die Hühner, die keine Eier mehr legen können,
weil sie mit dem Stock geschlagen wurden?
Alles aus Neid, Rache, Zorn auf den Nachbarn.

Heile Welt? Mit der Natur verbundene Menschen?
Menschen wie wir! Leiden am Unrecht – wie wir!
Sehnen sich nach Frieden, nach Versöhnung – wie wir!

Hast du mit der 13 jährigen Lindora gespielt,
welche nicht mehr Kind sein durfte,
weil sie verheiratet und hochschwanger ist.
Kennst du ihre Bedürftnisse,
ihre Freude über einen Luftballon
- und ihre Angst vor der Geburt
und der Verantwortung als Mutter?

„Missionare zerstören die Kultur der Indianer!”

Hast du das verkrüppelte Mädchen lieb,
das sich mühsam vorwärts schleppt,
das die andern Kinder erbarmungslos
in den Schmutz schubsten,
ihm die Krückstöcke zerbrachen,
dem unwürdigen Leben, „wertlosen” Menschenkind,
welches sie Felicitas nennen – glücklich – beglückwünscht!?

Hast du der Mutter mit fünf Kindern zugehört,
die querschnittgelähmt auf dem Bretterboden sass?
Hat dich ihr Schicksal auch bewegt?
Ein Ast vom Baum hat sie getroffen, Wirbelfraktur!
Erbarmungslose Qual -
Drei Monate ohne den geringsten Schlaf,
Vor Schmerz schreiend!
Kaum Schmerzbekämpfung, keine weiche Matratze,
keine Schlaftabletten!
Nur harter Fussboden, schmutzige Wäsche, harte Realität.
Auf den Armen schleift sie nun
Ihren lahmen Körper über den Erdboden.
Wieso ist Charita trotzdem so fröhlich?
Weil sie Jesus liebt!

Lasst sie bloss in Ruhe???

Schlagzeilen aus der Zeitung bewegen unsere Gemüter:
„Hungersnot in Somalia! Erdbeben in Rumänien! Waisenkinder in Albanien!”
Wer sagt da noch: „Lasst sie bloss in Ruhe!” ?
Glückskette, Kleidersammlung,
Diskussionen über die ungleichmässige Besitzverteilung von Arm und Reich.
Es wird gehandelt, Worte werden Taten!
„Kultur zerstören?” - Kein Mensch spricht davon!
„Das gehört zu ihrem Leben, sie können besser damit umgehen als wir?”
Empörung würde ausbrechen!

Und die Indianer? Haben sie kein Recht auf Hilfe, kein Recht auf Mitgefühl?
Kein Recht auf Liebe?
Wer hilft ihrem Hass und den Rachegedanken? – JESUS!
Wer gibt ihnen Frieden in den schwierigsten Umständen? – JESUS!
Wer nimmt ihre Angst vor den bösen Geistern? – JESUS!
Wer lehrt sie, Konflikte zu lösen, zu vergeben
und Vergebung zu bekommen? – JESUS!
Wer tröstet die Trauernden? – JESUS!
Wer sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben? – JESUS!

verfasst im Oktober 2001

Fotos von Lindora, Felicitas und Charita in Bildergalerie

Anhang:

Wie kam es zu diesen Gedankengängen?
Im Monat Oktober 2001 waren wir als ganze Familie in drei verschiedenen Dörfern bei den Huambisaindianer am Santiagofluss. Was wir diese vier Wochen erlebt haben ist nur als kleiner Teil in dieser Lyrik zusammengefasst. Die Nöte, denen wir begegneten, sind kaum zu beschreiben. Manchmal können wir uns nur schwer damit abfinden, dass es Leute gibt, die Missionaren vorwerfen, sie würden den “glücklichen Naturmenschen” die Kultur zerstören.

Auch wenn wir wenig Not lindern können, so haben wir doch den sichtbar besten Tribut auf der Hand, den wir ihnen anbieten können: Jesus Christus, der auch für die Huambisa zum Tribut geworden ist.

2 Kommentare zu “Mythos Kulturzerstörer”

Liebe Anita
Grossartig, deine Darstellung der vielfältigen Armut in der indianischen Kultur – in der Gegenüberstellung zu ethnologischen Aussagen.
Ich bin froh, auf dein Gedicht zurückgreifen zu können, wenn ich mit Leuten zusammentreffe, die gegen die Arbeit der Missionare argumentieren.

[...] Ich mit der verkrüppelten Felicias (siehe Lyrik: Mythos Kulturzerstörer) [...]

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